Weniger ist mehr

Was könnte man nicht alles mit Waffeln anstellen: Sahnetopping mit essbaren Glitterstaub, Apfelkompott mit gebrannten Mandeln oder doch lieber die herzhafte Variante mit würzigen Gouda. Die Möglichkeiten, eine Waffel zu „pimpen“ sind unendlich, das beginnt beim Teig und endet mit der Dipsoße. Wenn wir uns nun noch die Varianten bei Kaffee bzw. Kaffeespezialitäten anschauen, stellt sich doch automatisch die Frage, warum unser Angebot so verdammt reduziert ist. Sind uns etwa die Ideen ausgegangen? Als Begründung eine kleine Geschichte zum Thema „Weniger ist mehr“:

Als ich die Klasse betrete, herrscht Chaos. Alle Begriffe, die sich im Raum zusammengefunden haben, sind nicht mehr an Ort und Stelle, sondern überall verteilt. „Vegan“ versucht „Yoga“ mit einer Selleriestange zu verprügeln, „Burn-Out“ redet auf „Entschleunigung“ ein, die jedoch eingeschlafen ist, während „Nachhaltigkeit“ in der hintersten Ecke am Laptop sitzt und bestimmt wieder fiese Hassmails an „Zero Waste“ schreibt – diese musste letzte Woche die Klasse verlassen, sie hatte „Ausstieg“ gestalkt – er befindet sich nun in Therapie.

Welche Hoffnung man in diese Begriffe gesetzt hatte. Sie sollten die Zukunft sein, doch sie sind zu Ramsch verkommen. Kommerz und hohle Phrasen haben sie gebrochen und was vom einstigen Glanz übrig ist, ist nichts weiter als ein nervender Tinitus, der das Ohr quält und das Hirn nie erreicht. „Setzt euch bitte“, ich räuspere mich. „Burn-Out“ rennt als einziger zu seinem Platz – alter Streber. Ich versuche es etwas lauter: „Setzt euch bitte!“ „Yoga“ hat inzwischen die Selleriestange als Selfie-Stick umgerüstet und posiert in ihrem neuen Outfit für irgendeine Social-Media-Plattform. „ICH HAB GESAGT: SETZEN!“ Für einen Moment sind alle still, erschrocken, hetzen zu ihrem Platz, bevor jedoch das erste Geschnatter wieder losgeht. „Vegan“ will seinen Selleriestab zurück. „Aus euch hätte mal was werden können,“ murmele ich und versuche gerade zu stehen. „Entschleunigung“ pennt schon wieder.

„Heute,“ setze ich an, „wollen wir eine neue Schülerin willkommen heißen: Minimalismus.“ Sofort erklärt sich „Burn-Out“ bereit, die neue Schülerin einzuweisen. Er ist immer mit Feuereifer dabei, doch am Ende lässt er alle hängen – ich erinnere mich an das Beziehungsdrama mit „Prävention“. Alle Begriffe tuscheln nun miteinander, als schließlich die Tür aufgeht und Minimalismus den Raum betritt. Alles ist still.

Ich schaue Minimalismus aufmunternd an: „Magst du dich vorstellen?“ Nun beginnen die ersten wieder zu tuscheln. Als Minimalismus spricht, ist ihre Stimme klar, deutlich und ihre Botschaft einfach: „Ihr – kotzt – mich – an.“ Ich schaue kurz, ob ich „Minimalismus“ nicht mit „Ehrlichkeit“ verwechselt habe, aber die hatte sich schon vor langer Zeit nach Hawaii abgesetzt. „Wenn mir nur einer von euch Schnarchnasen blöd kommt, dann setzt es was.“ Minimalismus nickt mir zu und setzt sich – gleichgültig gegenüber ihrer eigenen Ansprache – an einen Platz am Fenster. Ich blicke in die Gesichter der anderen Begriffe: Scham, ein wenig Angst, Unglaube und da ist noch etwas, sehr vage, die Erinnerung an eine Zeit, als sie noch nicht zerredet waren. Vielleicht, denke ich, kann ja doch noch was aus ihnen werden.

 

 

 

 

 

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